Propaganda gegen Israel: Der Fall Mohammed Al Durah und die mediale Inszenierung der Wirklichkeit
Vor wenigen Wochen hat ein französisches Appellationsgericht Philippe Karsenty, dem Betreiber einer unabhängigen Nachrichtenagentur, vom Vorwurf der üblen Nachrede freigesprochen. Er hatte den Fall Al Durah als „Mummenschanz“ bezeichnet, der „Frankreich und sein staatliches Fernsehen entehrt“.
Im Herbst 2000 gingen die Bilder um die Welt: Ein palästinensisches Kind wird in den Armen seines Vaters von Gewehrkugeln getroffen – abgefeuert von israelischen Soldaten. Und ein französischer Fernsehreporter kommentiert: „Mohammed ist tot, sein Vater schwer verletzt“. Seitdem wird der kleine Mohammed Al Durah von der arabischen Welt als Märtyrer gefeiert und das Bild für politische Zwecke benutzt. Doch war es wirklich so? Vor wenigen Wochen hat ein französisches Appellationsgericht Philippe Karsenty, dem Betreiber einer unabhängigen Nachrichtenagentur, vom Vorwurf der üblen Nachrede freigesprochen. Er hatte den Fall Al Durah als „Mummenschanz“ bezeichnet, der „Frankreich und sein staatliches Fernsehen entehrt“.
Drei Schüsse sollen den damals 12jährigen Mohammed getroffen haben, mindestens einer davon soll tödlich gewesen sein. Der palästinensische Kameramann des französischen staatlichen Fernsehens France 2, Talal Abu Rahme, hat die dramatische Szene gedreht, die weltweit für Empörung sorgte und die israelische Armee als kaltblütige Kindermörder an den Pranger stellte. Die Szene wurde zum Fanal, der kleine Mohammed zur Ikone der Intifada. Mohammed, der Märtyrer. In unzähligen Videoclips im palästinensischen Fernsehen war die von Talal Abu Rahme gedrehte Szene zu sehen und dazwischen montiert ein israelischer Soldat, der schießt. Der Clip hatte durch diese Manipulation jene Eindeutigkeit, die dem Originalmaterial fehlte.
In der arabischen Welt aber brauchte es ohnehin keine weiteren Beweise. Zahllose Straßen und Plätze wurden nach Mohammed Al Durah benannt, Filme, Lieder, Gedichte priesen den Märtyrer und Briefmarken erschienen mit seinem Konterfei, sogar Toilettenpapier. Tunesien hat die Straße vor der ehemaligen Villa Jassir Arafats in „Mohammed Al Durah Straße“ umbenannt und Ägypten die vor der israelischen Botschaft. In Malis Hauptstadt findet sich ein „Platz des palästinensischen Kindermärtyrers“. Wütende Demonstranten forderten die Zerstörung Israels im Fernsehen und im Internet, in Freitagspredigten und auf Flugblättern wurden Muslime aufgerufen, Mohammed Al Durah zu rächen. Ein Aufruf, der grausige Realität wurde mit der bestialischen Enthauptung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearls durch Islamisten. Im Video seiner Hinrichtung wird das „Todesurteil“ als Rache für die „Ermordung“ Mohammed Al Durahs gerechtfertigt.
Und noch immer wissen wir nicht, was an diesem Tag tatsächlich passiert ist. Im Gegenteil. Acht Jahre später gibt es mehr Fragen und Zweifel an der Szene als damals. Die vermeintliche Gewissheit ist dem Verdacht gewichen, möglicherweise auf einen gigantischen Propagandaschwindel der Palästinenser hereingefallen zu sein. Doch haben wir nicht mit eigenen Augen gesehen, wie der kleine Mohammed erschossen wurde und schließlich tot im Schoß seines schwer verwundeten Vaters lag? Nein, haben wir nicht. Veröffentlicht wurden 54 Sekunden des Materials, das Talal Abu Rahme an diesem Tag an der Netzarim Kreuzung gedreht hatte, nur 31 Sekunden zeigen Vater und Sohn. Charles Enderlin, der Korrespondent, der diesen Film zusammen schnitt und kommentierte, war selbst nicht vor Ort. Er verließ sich auf die Schilderung seines Kameramannes. Im Filmkommentar heißt es, dass das Feuer aus Richtung des israelischen Militärpostens komme. Und dann der entscheidende Satz: „Mohammed ist tot, sein Vater schwer verletzt.“
Die Kraft der Nachrichtenbilder und des Kommentars ist so stark, dass die meisten Zuschauer sicher sind, gesehen zu haben, wie Vater und Sohn getroffen wurden. Tatsächlich aber zeigt das Filmmaterial nicht einen einzigen Schuss und kein Blut. Wir sehen die beiden nebeneinander sitzen, den Vater in Richtung des israelischen Postens schauen und gestikulieren, dann ist das Kameraobjektiv erst durch eine Hand verdeckt und im entscheidenden Moment vernebeln Staubwolken die Sicht. Als das Bild wieder klar wird, liegt Mohammeds Kopf im Schoß des Vaters, der selbst apathisch wirkt und mit seitlich abgeknicktem Kopf an der Wand lehnt.
Zu sehen also ist nichts, was die Behauptung, dass Kind sei tot, der Vater schwer verletzt, beweisen würde. Und doch dauerte es über ein Jahr bis aus vorsichtigen Zweifeln klare Fragen wurden und Widersprüche offen zutage traten. Diejenigen, die es genau wissen wollten und hartnäckig nachfragten, gerieten schnell in den Verdacht, einer politischen Agenda zu folgen. France 2 versuchte zudem, jeden Zweifel an der Authentizität der gesendeten Bilder mit juristischen Mitteln zu unterbinden. Doch alle Versuche, die Nachfragen im Keim zu ersticken, schlugen fehl. Dafür hatte die Szene längst zu große Symbolkraft erreicht. Für die einen war sie der sichtbare Beweis für die mörderische Besatzungspolitik Israels und für die Legitimität des Kampfes für die Vernichtung des „zionistischen Gebildes“. Für die anderen war sie eine Schlüsselszene des Medienkrieges, der palästinensischen Propaganda, für „Palliwood“. Was also steht mittlerweile eindeutig fest?
France 2 hat stets behauptet, das gesamte Material der Szene veröffentlicht zu haben. Das ist falsch. Mittlerweile gibt es mindestens weitere 10 Sekunden, die Vater und Sohn zeigen. Das vermeintlich letzte Bild, zu dem Charles Enderlin getextet hatte „Mohammed ist tot“ ist nicht das letzte gedrehte Bild. Die Einstellung wurde abgeschnitten, bevor zu sehen ist, wie der angeblich tote Mohammed Al Durah den Kopf hebt und in die Kamera schaut. Die zusätzlichen Sekunden waren erstmals zu sehen im Gerichtssaal in Paris am 14. November 2007. France 2 hatte Philippe Karsenty wegen übler Nachrede verklagt. Karsenty, hatte öffentlich behauptet, dass France 2 fälschlicherweise verbreitet habe, Mohammed Al Durah sei in dieser Szene erschossen worden. Doch im Grunde stand nicht Karsenty vor Gericht, sondern France 2 und sein Korrespondent Charles Enderlin. Es ging um die Glaubwürdigkeit des Senders. Und so ist der Freispruch für den Angeklagten Karsenty denn auch eine Anklage gegen Charles Enderlin und France 2. Das Urteil bestätigt, dass der Fall Mohammed Al Durah noch lange nicht zu Ende ist und die Liste der Ungereimtheiten der Medienversion von der Erschießung Mohammed Al Durahs durch israelische Soldaten ist durch diesen Prozess noch deutlich länger geworden.
So hatte France 2 sieben Jahre lang von 27 Minuten gesprochen, die sich auf der Drehkassette befänden. Vor dem Pariser Gericht erklärte der Sender dann dem erstaunten Publikum, dass man sich geirrt habe. Es gäbe nur 18 Minuten. Diese waren auf den ersten Blick so unspektakulär, dass völlig unklar blieb, warum sie all die Jahre unter Verschluss gehalten worden waren. Zu sehen waren Jugendliche, die Steine und Brandsätze auf den israelischen Militärposten warfen, ohne jede erkennbare Reaktion der israelischen Soldaten. Zu sehen waren „for camera only“ Szenen, die aber nur für den geübten Beobachter als solche zu erkennen sind. „For Camera only“ – so nennen die israelischen Soldaten es, wenn Demonstranten Verletzte spielen und sich von einem Krankenwagen abholen lassen. Zu sehen waren belanglose Interviews. Dann erst folgte die bekannte Sequenz mit Vater und Sohn, jetzt erstmals mit jenen 10 Sekunden, in denen der angeblich tote Junge plötzlich den Kopf hebt und kurz in die Kamera schaut.
Was hat Talal Abu Rahme an diesem Tag wirklich gedreht? Was passierte mit Mohammed Al Durah?
Immer länger wird die Liste der Widersprüche. Schon die Analyse der Ballistiker zeigt, dass die Soldaten von ihrer Position aus schwerlich als Schützen in Frage kommen. Auch die Vermessung der Einschusslöcher in der Wand spricht gegen dieses Szenario. Hinzu kommt, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass Scharfschützen 45 Minuten brauchen um ein unbewegliches Ziel zu treffen. Solange aber waren Vater und Sohn nach Aussage Talal Abu Rahmes unter Dauerfeuer. Und warum sollten sie ausgerechnet auf die beiden schießen und zugleich jene völlig unbehelligt lassen, die den Militärposten mit Steinen und Brandsätzen attackieren?
Und schließlich die widersprüchlichen Aussagen zur Länge des gedrehten Materials. 6 Minuten der dramatischen Szene habe er gedreht, sagt Talal Abu Rahme. Alles was gedreht worden sei, sei veröffentlicht worden, behauptete Charles Enderlin zunächst. Demnach wären es nur 31 Sekunden gewesen. Später fügte er hinzu, die Szene sei lediglich um jene Einstellung gekürzt worden, in der der schreckliche Todeskampf des Kindes zu sehen gewesen wäre. Doch von eben diesem Todeskampf ist auf den jetzt bekannten Bildern nichts zu sehen. Warum nicht? Entweder ist auch das jetzt als komplett präsentierte Rohmaterial keineswegs vollständig oder es gibt diese Bilder nicht.
Ist ein Bild wirklich oder wahr, ist es realistisch oder real? Feinheiten, die an der Front des Medienkrieges längst keine Rolle mehr spielen. Je häufiger ein Bild zu sehen ist, umso größer ist sein angenommener Wahrheitsgehalt. Das mediale Bild wird zur Wirklichkeit, zur Grundlage öffentlicher Meinung. Deren Urteil kennt keine Berufung. Auf dem Friedhof bei El Bureish im Gazastreifen sticht ein Grab klar hervor. Es ist das Grab des Märtyrers Mohammed Al Durah. Auf weißem Marmor prangt die Inschrift: „Die in der Schlacht sterben, sterben nicht wirklich, sondern leben weiter.“ Im Paradies, davon ist jeder gläubige Moslem überzeugt. Und im Gedächtnis der Zuschauer, die nur das Bild sehen, das sie kennen.
Esther Schapira ist Redakteurin des Hessischen Rundfunks und hat bereits im Jahr 2002 mit ihrem Dokumentarfilm „Drei Kugeln und ein totes Kind“ die offizielle palästinensische Version des Falls Mohammed Al Durah in Frage gestellt.


